Zeit

Written by Tamme on Februar 12, 2021 in Demut and Kuenstlerdasein and Kunst and Leben and Zeit with no comments.

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Vor ein paar Tage habe ich mich ja schon darüber ausgelassen, wie schnell die zu vergehen scheint. Wie sie zu rasen scheint. Vermutlich habe ich mich in dem genauso der allgemeinen Terminologie hingegeben und davon gesprochen, dass die Zeit rast, dass sie Verrinnt. Dass, scheinbar, sie es ist, die sich bewegt. Vorwärts, niemals rückwärts. Niemals ruhend, immer fortlaufend. Das ist halt die allgemeine Terminologie, so spricht man halt über die Zeit. Und ich erwische mich immer wieder, wie auch ich so über die Zeit rede.

Rede, nicht denke.

Denn die Zeit vergeht nicht. sie rast nicht. Die Zeit bewegt sich überhaupt nicht.

Abgesehen davon, dass Zeit nur ein menschlicher Terminus für immer fortlaufende Prozesse in der Welt um uns herum ist, ist Zeit etwas Statisches. Wie ich auf solchen Unsinn komme? Lass mich anfangen mit dem Bahnhof und dem Zug. Vielleicht kennst Du die Szene aus dem Kinofilm, in dem nicht der Zug abfuhr, sondern der Bahnhof? Eben: es ist alles eine Frage der Perspektive. Steht man auf dem Bahnsteig, ist es eindeutig der Zug, der sich bewegt. Sitzt man im Zug, ist es der Bahnhof, der sich bewegt. Genauso denke ich, verhält es sich mit der Zeit: es ist eine Frage der Perspektive, ob sich die zeit bewegt, oder ob wir es sind, die sich in Wirklichkeit bewegen. Nur, weil wir auf all die Prozesse um uns herum und in uns keinen Einfluß haben, sondern diese Prozesse, inklusive des Alterns, unweigerlich voranschreiten, heisst dies noch nicht, dass die es die Zeit ist, die unweigerlich voranschreitet. Ja, : wir Menschen haben womöglich aufgrund der Tatsache, dass wir die Prozesse nicht aufhalten können, das Voranschreiten der Dinge in der Welt nicht anhalten können, irgendwann entschieden, dass es die zeit ist, die voranschreitet und sich bewegt. Aber das, denke ich, ist nicht so. Ja, eindeutig gibt es eine Relation zwischen uns und der Zeit. Wie zwischen dem Bahnsteig und dem Zug. Eines von beiden bewegt sich. Eindeutig. Und unweigerlich. Aber nein: ich denke nicht, dass es die Zeit ist. Sondern wir sind es, die sich durch die Zeit bewegen. Die Zeit ist eine Konstante. Sie war schon immer (selbst vor dem Urknall muss es eine Zeit gegeben haben, da sonst der ‚Moment‘ des Urknalls niemals ‚gekommen‘ wäre). Und die Zeit wird es auch immer geben, selbst dann noch, wenn es unser Universum nicht mehr geben sollte. Und wenn es die zeit schon immer gab und immer geben wird: wohin sollte sie sich bewegen? Ist überhaupt Raum für eine Bewegung, für ein Fortschreiten der Zeit? Wenn ich dagegen die Perspektive wechsle und nicht den Zug als das abfahrende Element betrachte, sondern den Bahnsteig, ergibt sich eine andere Perspektive. Wenn also wir diejenigen sind, die sich durch die Zeit bewegen.

Wir sind es, die sich durch die Zeit bewegen. Und da wir es sind, die sich durch die Zeit bewegen, kommt hier eine wichtige Relation hinzu: wir. Unser . Zeit existiert für uns außerhalb unseres Lebens nicht. Zumindest wissen wir nichts davon, während wir hier leben. Diese Relation ist ganz wichtig, gibt sie dem ganzen Konstrukt der Zeit doch einen Sinn. Doch dazu gleich mehr.

Die Zeit, um hier ein Bild zu bemühen, ist so etwas wie ein Gefäß. Ein Gefäß, gefüllt mit -beinahe- unendlich vielen Momenten. Meinetwegen in Form kleiner Kügelchen. Und es ist ein Gefäß, das nicht unendlich hoch ist. Oder zumindest aus endlich hohen Abschnitten besteht. wir geboren, bewegen wir uns von oben durch dieses Gefäß. Wir bewegen uns durch die Vielzahl an Momenten. Kontinuierlich. An den meisten Momenten bewegen wir uns vorbei, ohne sie genauer zu betrachten, ja mehr noch: den meisten Momenten, an denen wir uns vorbei bewegen, schenken wir nichtmal Aufmerksamkeit. Nur ab und an, dann und wann, tauchen wir in eines dieser Kügelchen ein. Tauchen in einen Moment ein. Für uns scheint die Zeit auf einmal still zu stehen. Und doch bewegen wir uns weiter. Nur eben in diesem Kügelchen. All die anderen um uns herum lassen wir auch weiterhin hinter uns, so wie wir es auch vorher getan haben. Nur dieser eine Moment, der, in den wir eingetaucht sind, der, dem wir unsere ganze Aufmerksamkeit schenken, der scheint uns gefühlt ewig zu bleiben. So lange zumindest, bis wir auch ihn verlassen und wieder realisieren, dass wir uns nach wie vor durch die Zeit bewegen und unser Lebenslauf nicht angehalten wurde. Auch, wenn es uns so vorkam. In dem Moment. Und mit jedem Moment, mit diesen beinahe unendlichen Momenten, an den wir vorbeiziehen, nähern wir uns dem Boden des Gefäßes. Oder dem Boden der Sektion, in der wir uns gerade befinden. Das ist nur eine Frage der persönlichen Sichtweise. Ob dieses Gefäß nur einen Boden hat oder ob es mehrere Sektionen hat, ist eine Glaubenssache. Ich glaube schon, dass es nach der Sektion, durch die ich mich gerade durch bewege, noch eine andere geben wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir bewegen uns also durch diese unzählig vielen Momente auf einen Boden zu. Unserem Lebensende. Den Punkt, in dem es keine weiteren Momente gibt, die an uns vorbeiziehen. Die wir erleben. Das Besondere ist das Paradoxon des zeitlichen Empfindens. Bzw. das Paradoxon, wie wir Zeit empfinden. Wenn wir oben in das Gefäß eintauchen, mit unserer Geburt, unseren jungen Jahren, wissen wir nicht, wie tief dieses Gefäß ist. Wie viele Momente es für uns bereithalten wird. Wie viele Gelegenheiten, in einzelne Momente einzutauchen. Wann wir am Boden angelangt sein werden und die Momente augenblicklich fort sind. Je älter wir werden, je näher wir dem Boden kommen, desto bewusster scheinen wir uns zu werden, dass der Boden näher und näher kommt. Und desto bewusster scheinen wir zu versuchen, einzelne Momente festzuhalten. In sie einzutauchen. Ganz in ihnen aufzugehen.

Und je weiter wir uns in dem Gefäß der Zeit nach unten bewegen, desto schneller scheinen wir uns durch die Zeit zu bewegen. Gerade so, als würde die Dichte weiter unten im Gefäß abnehmen.

Für das Verweilen in einem einzelnen Moment hat die Wissenschaft den einen oder anderen Begriff. ‘’ ist vermutlich der Bekannteste. Wenn ein Künstler, um jetzt den Bogen zur Kunst zu schlagen, inspiriert ist, im ‘Flow’ ist, ganz in seiner Kunst aufgeht, zwischen den Welten vermittelt, Unsichtbares für andere Menschen sichtbar macht – dann ist er ganz in einen Moment eingetaucht. Geht gerade ganz in ihm auf. Dieses Eintauchen in den Moment ist Voraussetzung für . Beziehungsweise geht beides miteinander her: die Inspiration und das Eintauchen in den Moment. Macht ein Künstler Kunst, ohne in den Moment einzutauchen, während er also weiter durch das Gefäß fällt und er an den Momenten vorbeizieht, wird seine Kunst nur genau dies sein: Kunst im Vorbeigehen. Schnelle Kunst. Kalte Kunst. Kunst ohne Leidenschaft. Ohne die Leidenschaft des Momentes, in den der Künstler eingetaucht ist. Dann wird das Klavierstück zwar auch gespielt werden und so manche Zuhörerin wird es auch schön finden. Aber es wird ihm die Seele fehlen. Die Tiefe. Die Leidenschaft. Des Momentes.

Die Zeit vergeht nicht. Sie rast nicht. Wir sind diejenigen, die durch die zeit hasten, durch sie hindurchfallen. Und wir sind diejenigen, die an unzähligen Momenten vorbeifallen. Wir sind diejenigen, die in einen Moment eintauchen müssen, wollen wir ihn, wenigstens etwas, festhalten. Und je tiefer und länger wir in einen Moment eintauchen, desto tiefer und länger wird er ein Teil unseres Lebens. Desto mehr bleibt von ihm an uns hängen. Für unseren weiteren Weg durch die Zeit, durch das Gefäß der unzähligen Momente..

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