„Weiter so“ ist manchmal der richtige Ratschlag

Written by Tamme on Februar 10, 2021 in Covid19 and Gedanken and Innensicht and Kuenstlerdasein with no comments.

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Liest man einschlägige Ratgeber zum Thema Kreativität, dann kommt ein ratschlag eigentlich immer: „Umgebung“. Um als Künstler oder nicht-Künstler kreativ zu sein, ist eine entsprechende Umgebung hilfreich. Dies muss, im Fall des Künstlers, nicht das 200m2 Atelier sein. Sondern kann ein fester Platz sein, der mit der Kreativität verbunden ist. Der als Ort der Kreativität einen mentalen Anker bildet: Immer, wenn man sich an diesen Platz setzt, an diesen Ort geht, widmet man sich der Kreativität. Das NLP hat Erklärungen dafür, wie solche Anker, in diesem Fall der externe Anker eines Ortes und seiner Ausstattung, funktionieren. Und das sie funktionieren natürlich auch. Deshalb bin ich überzeugt, dass ein solcher Ort der Kreativität ein sehr gutes Hilfsmittel für jeden Künstler ist.

Nun sind wir ja schon seit beinahe einem Jahr immer mal wieder aufgefordert, zu hause zu bleiben. Homeschooling zu machen. Oder . Viele von uns kannten das Homeoffice auch schon aus vor . Irgendwie habe ich das Gefühl, wenn es um das Thema Homeoffice geht, schwingt bei vielen Menschen eine Art Bewunderung oder Neid mit. „Du hast es gut, Du kannst Homeoffice machen. Ich kann das in meinem Job ja nicht.“ Diese Übersteigerung des Homeoffice wurde dieses Jahr dann durch die Homeoffice-Verordnung bzw. die Diskussion darum noch weiter gesteigert. Auf einmal wurde im öffentlichen Diskurs von allen Arbeitgebern gefordert, alle ins Homeoffice zu schicken. Weil es doch so toll ist und quasi die Krönung der Arbeitnehmer-Selbstentfaltung. Die ultimative Freiheitsstufe der Arbeiterschaft. Oder so ähnlich. Doch wissen all diese Menschen, die da so fordernd und von grund auf überzeugt vom Homeoffice schreiben, was Homeoffice wirklich bedeutet ? So für alle Menschen? Sicher, da einige Journalisten geschrieben haben, die schon länger im Homeoffice sitzen. Mit einer dem Ausbildungsstand und der Position mitgewachsenen überdurchschnittlichen Wohnsituation. Anders ausgedrückt: vermutlich wenige der Journalisten, die da das Homeoffice für alle forderten saßen in dem Moment gerade zu Hause auf der Bettkante, weil sie keinen anderen Platz haben zum arbeiten. Und vermutlich wenige der Gewerkschafter, die das Homeoffice stilisieren müssen, mangels Platz zu Hause, im Auto arbeiten. Oder im fensterlosen, kalten Keller. Sondern gehen davon aus, dass alle Arbeitnehmer zu Hause die gleichen Voraussetzungen vorfinden, wie sie selber. Oder besser noch: wie sie sie im Büro vorfinden. Jedoch, ja, das tut weh: dies ist nicht so. Nicht jeder Arbeitnehmer hat zu Hause sinnvolle Voraussetzungen für ein Homeoffice. Manche haben auch gar keine. Für manche ist das Homeoffice wegen der fehlenden Räumlichkeiten oder der anderen äußeren Parameter gar nicht wünschenswert. Und sei es auch nur wegen der Familie, die in dem, was manche gerne zum Homeoffice auserkören hätten etwas ganz anderes tun: leben.

Abgesehen davon, dass ich glaube, das Homeoffice ist eben nur für die tatsächlich erstrebenswert, die die in ihrem „Home“ die äußeren Voraussetzungen dafür vorfinden, weiß ich auch nicht, ob das Homeoffice unter dem Aspekt der das Richtige ist. Ja klar: weniger notwendige Büroflächen bedeuten geringere Kosten. Und weniger Arbeitswege bedeuten geringeres Risiko von Verspätungen und (unfallbedingten) Ausfällen. Und im Homeoffice ist , vermutlich, so mancher Arbeitnehmer eher bereit, mit einem Schnupfen zu arbeiten, als er dies im Büro wäre. Alles Pluspunkte für das Homeoffice.

Zurück zum Ankerpunkt, zum Ort der Kreativität, zum festen Ort mit dem Künstler Kreativsein verknüpfen. Zurück zum Ankerpunkt der Produktivität im Homeoffice. Da beginnen die Probleme des Homeoffice. Kann ein Küchentisch, Mittelpunkt familiärer Aktivitäten, zu einem solchen Ankerpunkt für Produktivität werden? Oder will dies jemand? Will jemand immer dann, wenn er sich an den Küchentisch setzt, als erstes seine ToDo-liste durchgehen? Weil er damit automatisch in seinen Produktivitäts-Rhythmus einsteigt? Nein, genau das will niemand. Auch das Homeoffice ist Teil des „Homes“ und das, das muss jeder Arbeitgeber akzeptieren, ist Hoheitsgebiet des Menschen. Des Menschen, der jeder Arbeitnehmer auch ist. Des Menschen mit seiner Familie und seinen Freunden. Der Küchentisch mag zwar täglich für ein paar Stunden zur Notebook-Ablage umfunktioniert werden. Aber er wird niemals ein Ankerpunkt für Produktivität werden. Die Familie mag sich zwar tagsüber für ein paar Stunden in andere Bereiche des zu Hauses zurückziehen oder Spazierengehen etc., aber die , der Job sind nach wie vor nur temporärer Gast im zu Hause eben dieser Familie und nicht, wie etwa im Büro, Hausherr.

Das Homeoffice muss somit nicht nur produktiv, sondern vor allem auch familienkonform und sozial sein.

Wollte man das Homeoffice wirklich zu der Krönung der arbeitnehmerlichen Freiheit machen, müsste man viel mehr unternehmen als nur Forderungen aufzustellen, eine Verordnung zu erlassen und den rest dem Arbeitnehmer überlassen. Wie jedes Büro unter Ergonomie-Regeln gestaltet wird, sollte jedes Homeoffice eben jene Gestaltung erfahren. Immer mit der „Option der Erkenntnis“: Der Möglichkeit, dass es auch mal sein kann, dass der Wohnraum eines Arbeitnehmers kein (produktives und familienkonformes) Homeoffice zulässt. Und bei den Arbeitnehmern, bei denen ein Homeoffice räumlich möglich ist, müssen die Arbeitgeber gefordert sein, Ergonomie einkehren zu lassen. Da muss vielleicht eine Telefonkabine eingebaut werden, vielleicht muss der Balkon zum Büro umgebaut werden, ein mobiles Büro im Garten platziert werden etc. etc.

Doch all dieses passiert nicht.

Statt dessen wird gejubelt, eine Verordnung erlassen und der Arbeitnehmer und seine Familie sind alleine gefordert, dem Gast namens Homeoffice den Raum in ihrem Familienleben einzuräumen, der von der , dem Arbeitgeber, der Gesellschaft gefordert wird.

Und dies sind ja nur die Äußerlichkeiten. Der Einzug eines weiteren Gastes in das Familienleben -und für nichts anderes halte ich das Homeoffice und Homeschooling- hat auch immer psychologische Auswirkungen auf die Menschen, die den Ort vorher alleine bewohnten.

Etwas, was der Ort der Kreativität für einen Künstler besonders macht ist, neben den Äußerlichkeiten, der Sinn des Ortes. Ein Künstler geht an seinen Ort der Kreativität, um kreativ zu werden und zu sein. Jemand fährt ins Büro, um dort produktiv seinem Job nachzukommen. Jemand ist im Homeoffice um… zu dort zu leben? Oder zu arbeiten? Oder mal das eine, mal das andere? Arbeitspsychologisch gibt es zahlreiche Untersuchungen und Ausarbeitungen, die die Produktivität des Arbeitnehmers im Homeoffice ganz wesentlich seiner intrinsichen zuschreiben. Sind es im Büro bspw. noch die mitarbeitenden Kollegen und die Chefin, ist es zu Hause nur noch die innere Motivation des Arbeitnehmers, die für Produktivität sorgt. Rausgenommen natürlich die Tätigkeiten, die extern gesteuert werden. Bei denen es so enge Vorgaben gibt, dass die Arbeitnehmerin nicht sondern motiviert sein muss, sondern einfach nur ihren Job machen muss. Aber gute Arbeit, Qualität, entsteht dort, wo es auf die intrinsische Motivation des Einzelnen ankommt. Dort, wo er die Freiheiten hat, seine Aufgaben bzw. wie er diese erledigt, selbst zu gestalten. Und hier wir jeder Homeworker sich selbst überlassen.

Sicher etwas, an dem sich momentan, wie auch früher schon, viele Psychologen abarbeiten. Ungehört von der breiten Masse, der Politik und den Arbeitgeberinnen.

Ich persönlich finde es schade, wie schnell ein öffentlicher Diskurs, wie schnell auch die Politik auf einen Zug aufspringt und ihm auf seinem weiteren Weg jegliche Weichen nimmt. Jegliche Möglichkeit, den Kurs doch noch korrigieren zu können. Das bekannte „weiter so“ hat uns zu einer unverifizierten Homeoffice-Verordnung geführt. Und wird uns vermutlich noch zu vielen Dingen führen, bei denen ich perslnlich mir werden: besser wäre es, nach möglichen Weichen zu suchen, bevor der Zug die 250 km/h erreicht hat.

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