Realität

Written by Tamme on Februar 11, 2021 in Fantasie and Gedanken and Innensicht and Kuenstlerdasein and Realität with no comments.

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Vor kurzem sah ich ein Interview einer Journalistin mit einem Künstler, in welchem die Journalistin den Künstler fragte:

‚Haben Sie sich das nur ausgedacht oder ist das real?‘

Diese Frage beinhaltet ein, wie ich finde, interessantes Paradoxon in sich. Die Verwendung des ausschließenden ‚oder‘ im Sinne eines ‚entweder – oder‘ suggeriert, dass die Sache, um die es ging, entweder ‚nur‘ des Künstlers oder ist – keinesfalls jedoch beides. Fantasie, so die dahinterstehende allgemeine These, ist nicht Realität und Realität ist nicht Fantasie.

Das halte ich für grundlegend falsch ! – Realität ist pure Fantasie.

Oder anders ausgedrückt: Realität findet nur in unseren Köpfen statt.

Wenn ich auf einem Stuhl sitze, ist dieser real. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Oder? Ich meine doch. Denn die Aussage ist nicht ausreichend präzise, fehlt doch ein wichtiger Zusatz: für wen ist der Stuhl real?

Für mich, der ich darauf sitze, für meine Frau, die mich darauf sitzen sieht und für alle, die diesen Stuhl schonmal gesehen haben ist dieser Stuhl real. Auch für alle, denen ich von diesem Stuhl erzähle oder die von diesem Stuhl lesen ist dieser Stuhl real.

Aber was ist mit der überwiegenden Zahl von Menschen auf dieser , die diesen Stuhl weder jemals gesehen, noch jemals von ihm gehört haben? Gibt es diesen Stuhl für diese Menschen? Kommt er in ihren Gedanken, Erzählungen oder Handlungen vor? Nein, er existiert schlichtweg für diese Menschen nicht. Er ist somit für die überwiegende Zahl der Menschen auf dieser Welt nicht real – denn etwas, was nicht existiert, kann auch nicht real sein.

Erst, wenn diese Menschen irgendwie von diesem Stuhl erfahren, in dem sie ihn sehen oder von ihm hören bzw. lesen, wird er für sie real.

Realität entsteht in unseren Köpfen. Wir erschaffen mit unseren Gedanken und Erinnerungen Realität. Unsere eigene Realität. Und diese grundlegende Eigenschaft, dass Realität in den Köpfen der Menschen entsteht, ist meines Erachtens der Grund, warum die Realität der Menschen voneinander abweicht. Manchmal sogar konträr zueinander zu sein scheint. Nur scheint, nicht ist. Das ist ganz wichtig.

Beispiel Stuhl: Nehmen wir an, 2 Menschen würden den Stuhl heute sehen und morgen über ihn, also dieses vermeintlich eindeutige Stück unverrückbarer Realität sprechen. Dann wird der eine womöglich sagen, der Stuhl wahr eichenbraun und der Andere wird sagen, er war mahagonibraun. Wer hat nun recht? Derjenige, dessen Angabe mit der eines dritten, etwa des Stuhlbauers übereinstimmt? Ist Realität etwa eine Mehrheitsfrage, etwas Demokratisches ?

Nein, ich denke nicht. Vielmehr haben beide recht. Der eine, der den Stuhl als mahagonibraun in Erinnerung hat, hat womöglich auch einen mahagonibraunen Stuhl gesehen. Der, der ihn als eichenbraun in Erinnerung hat, hat womöglich einen eichenbraunen Stuhl gesehen. Obwohl es der gleiche Stuhl ist und niemand den Stuhl zwischenzeitlich neu angemalt hat.

Es könnte zum Beispiel sein, dass der, der einen eichenbraunen Stuhl gesehen hat, gar kein Mahagonibraun kennt. Sondern der einzige dunkle Braunton, den er kennt, Eichenbraun ist. Dann wird jeder dunkelbraune Holzstuhl für ihn ein eichenbrauner Stuhl sein. Denn seine Realität, unser aller Realität hängt von der schon existierenden Realität in unseren Köpfen ab. Von dem, was wir schon ‘kennen’. Wohlgemerkt: nicht von der schon existierenden Realität in den Köpfen anderer Menschen. Dort ist der Stuhl nämlich vielleicht akazienbraun.

Realität ist das, was in unseren Köpfen stattfindet.

Psychologen würden jetzt sagen, dass das, was in unseren Köpfen stattfindet, unsere Wahrnehmung der Realität ist. Weil sie wissen, dass bspw. der Stuhl auch dann noch existiert, wenn er für die Mehrzahl der Menschen auf der Welt nicht existiert. Aber etwas, was nicht existiert, kann nicht real sein. Weil die Vielzahl der Menschen diesen Stuhl nicht wahrnimmt, ist er für sie auch nicht real, nicht existent. Damit sind wir wieder bei dem Ausgangspunkt: Realität ist etwas Subjektives, was wir in unseren Köpfen mit unseren Gedanken und Erinnerungen erschaffen.

Diese Gedanken noch interessanter, wenn man neben dem Begriff der ‚Realität‘ auch den begriff der ‚Wahrheit‘ betrachtet. Das procrastiniere ich jetzt aber mal lieber …

Somit ist also die Frage ‚entweder Fantasie (ausgedacht) oder real‘ unsinnig, stellt sie doch zwei Dinge zur Auswahl, die das Gleiche sind. Eine andere, ähnlich unsinnige Frage wäre: ‚regnet es draussen oder werde ich naß, wenn ich jetzt rausgehe?‘

Die Fantasie spielt ja für Künstler eine ganz besondere Rolle. Kann sie doch eine wichtige Inspirationsquelle und somit eine wichtige Quelle ihres Schaffens sein.

Irgendwie wird Fantasie, der Vorgang des ‚sich etwas Ausdenkens‘ oft als das Gegenteil der Realität dargestellt. Dabei unterstreicht doch gerade die künstlerische , die künstlerische Fantasie die grundlegende Eigenschaft von Realität. Warum? Nun, der Künstler lässt das, was in seinem Kopf aus seiner Fantasie (oder ) heraus entsteht, Realität werden. Indem er es bspw. malt oder in Notenform aufschreibt. Hier wird Realität aus den Gedanken erschaffen. Für die Anderen, wohlgemerkt. Denn für den Künstler war das Musikstück schon Realität, bevor er es aufschrieb. In seinem Kopf. Durch das Aufschreiben hat er es nur zur Realität für diejenigen werden lassen, die die Noten lesen oder das Musikstück hören.

Wenn also der Künstler auf die Frage, ob er sich eine Sache ausgedacht hat oder diese Sache real ist antwortet: ‚die ist natürlich real‘, dann hat er Recht. Selbst dann, wenn diese Sache noch nicht oder niemals auch für andere Menschen Realität wird.

Interessantes Gedankenspiel, wie ich finde 😉

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