Kunsthalle – jetzt digital und kaum einer weiß es

Written by Tamme on Februar 16, 2021 in Covid19 and Gedanken and Kunst and Soziale Medien with no comments.

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Diese Tage ist mir ein neues Plakat der hiesigen aufgefallen. Dort wird mit einer digitalen Ausstellung, einer online besuchbaren Ausstellung geworben. Eine tolle Sache. Angeschaut habe ich mir die Ausstellung jedoch auch noch nicht. Keine . Vielleicht symptomatisch für diese Zeit, wenn man auf der ‚richtigen‘ Seite sitzt. und sich nicht mit seinen Zukunftssorgen rumschlagen muss.

Was ich mich gefragt habe: nicht gleich so? Warum mussten auch in der Kunstszene erst Monate vergehen, bevor sie den Schritt in das digitale Zeitalter gewagt hat? Was ich meine: warum wurden erst Monate nach Beginn der Pandemie die Museen digitalisiert und online verfügbar gemacht? Gut, es gab schon das eine oder andere , welches eine Online-Ausstellung hatte. Das waren aber die Ausnahmen. Erst seit einigen Wochen, Monate nach Pandemie-Beginn kommen die Museen und Gallerien nach und nach in die digitale .

Die einzige Erklärung, die mir eingefallen ist, ist eine zweigeteilte.

Einerseits ist es sicherlich technischer Aufwand, eine Ausstellung zu digitalisieren und aufzubereiten. Analog zu dem ganzen Themenkomplex Digitalisierung der Schule, bei dem es nicht reicht, ipads an Lehrer und Schüler zu verteilen. Bei einem Museum reicht es eben auch nicht aus, die Ausstellungsstücke zu fotografieren. Sondern der eigentliche Aufwand entsteht erst dann, wenn die Fotos gemacht sind: das Aufbereiten.

Andererseits verbinden die Museen und Gallerien mit dem Schritt in die Digitalisierung sicher auch ein Risiko. Mehr als ein finanzielles Risiko. Was passiert denn bspw., wenn jemandem die digitale Ausstellung gefällt? Wird dieser je wieder physisch eine Galerie oder ein Museum besuchen? Geht in der digitalen Welt nicht etwas Wichtiges verloren: die Ansprechbarkeit des Besuchers und der dadurch entstehende finanzielle Mehrwert? Manches Museum hat lange daran gearbeitet, mehr zu werden als ein reiner Ausstellungsort. Ein Ort der Begegnung, Ein Ort des Verweilen. Geht dies überhaupt in der digitalen Welt?

Schlimmere Frage: was passiert, wenn einer Besucherin der digitalen Ausstellung nicht gefällt? Schadet dies dem Ruf der Galerie oder des Museums? Kommt diese Besucherin je wieder in eine digitale Ausstellung? (Paradox, aber ich denke auch das ist ein Risiko).

Überhaupt: wie kann ein digitales Museum finanziell funktionieren? Parallel zu dem physischen Museum? Die Aufwände der physischen Museen können oft schon nicht durch die Eintrittsgelder gedeckt werden. Und jetzt noch der zusätzliche Aufwand für die Digitalisierung?

Ich glaube schon, dass die Digitalisierung von den Galerien und Museen als Risiko wahrgenommen wird. Wenn ich mir die digitalen Museen im Netz anschaue (ja, ich werde die hiesige Kunsthalle die nächsten tage auch digital besuchen … ) scheinen die Museen aber auch unterschiedliche Ansätze zu verfolgen. Die einen, die das digitale Angebot als Abbildung des physischen Angebotes verstehen. Bei denen das digitale Angebot also nur ein digitales Anhängsel zum eigentlichen Museum ist. Diese Museen und Galerien werden, denke ich, immer mit dem problem zu kämpfen haben, dass dieses digitale Anhängsel zusätzliches Geld kostet ohne wesentlichen Mehrwert zu liefern. Ja, sicher sprechen diese digitalen Auftritte auch Menschen an. Bringen – auch ausserhalb der Pandemie- Besucher ins digitale Museum, die das physische sonst nicht besucht hätten. Aber diese Besucher können bei einem derartigen digitalen Anhängsel nicht mehr machen, als und Videos schauen und vielleicht noch einen Eintrag im Gästebuch hinterlassen. Die digitalen Anhängsel sind schlicht nicht für mehr gemacht.

Und dann gibt es da die Galerien und Museen, die ihrem digitalen Auftritt ein Eigenleben zugestehen. Die den digitalen Auftritt nicht nur mit den Inhalten der physischen Ausstellung füttern. Sondern mit zusätzlichen Materialien. Mit Stücken aus dem eigenen Archiv. Mit Fundstücken aus dem Netz. Mit digitalen Stücken anderer Museen. Und die ihrem digitalen Auftritt auch in der sonstigen Ausgestaltung ein Eigenleben zugestehen. Die mit ihren Besuchern in eine Interaktion gehen. Weit über die Webseite hinaus. Die ihren digitalen Auftritt auch zu einem Ort der Begegnung machen. Einem Ort zum Eintauchen. Nur eben digital. Die ihrem digitalen Auftritt ein derartiges Eigenleben zugestehen und einräumen, dass er sogar ohne das eigentliche, das physische Museum existieren könnte. Diese Galerien und Museen gehen das Risiko ein, dass sie ihrem physischen Auftritt die Besucher nehmen und dieser immer größere Mühen hat, finanziert werden zu können.

Ich denke, das einzige Modell mit Zukunft ist das Zweite. Jenes, bei dem der physische Auftritt einer Galerie oder eines Museum in mittelbarer Konkurrenz zu seinem digitalen steht. Bei dem beide um Besucher buhlen müssen und beide sehen müssen, wie sie ihr Dasein finanziell ausgestalten. Durchaus auch in Konkurrenz zueinander. Nur dadurch lassen sich die herkömmlichen Besucher, die das Museum riechen wollen (anfassen können sie ja ohnehin nichts … ) genauso ansprechen wie die Besucher, deren Alltag so digitalisiert ist, dass sie auch das Museum vom Sofa aus besuchen wollen. Um dabei trotzdem eine (soziale) Interaktion geniessen wollen. Denn in der Digitalisierung steckt eine wichtige Chance: eine leichtere Vernetzung und ein leichterer Austausch der Galerien und Museen untereinander. Man sollte hier nicht nur im Terminus der Besucher denken, sondern auch an die Vorteile, die die Digitalisierung den Galerien und Museen untereinander bringen kann.

Was mir bei dem Plakat der Kunsthalle auch aufgefallen ist: es ist das Einzige. Weit und breit.

Gut, während der Pandemie sind sicherlich viele Werbebudgets reduziert. Und jetzt, wo nicht mal die Rosenmontags-Umzüge stattfinden, kann ich nicht erwarten, dass jemand mit einem Megaphone durch die Strassen zieht und auf den neuen Internetauftritt hinweist. Aber ich sehe ich auch keine digitale Werbung. Weder in den einschlägigen sozialen Medien, noch auf bspw. der lokalen (digitalen) Zeitung. Gut, da habe ich in der Vergangenheit schon mal eine Werbung gesehen – aber so selten, dass ich nicht mal weiß, wann dies war.

Und da frage ich mich: wenn ich meinen digitalen Auftritt mit einigen wenigen physischen Plakaten in der Stadt bewerbe und sonst, gerade digital, kaum in Erscheinung trete: ist das das richtige Vorgehen für einen digitalen Auftritt? Für eine erfolgreiche Digitalisierung? Dass ich die Inhalte online stelle und niemand erfährt es ?

Nein, ich denke nicht. Digital geht anders.

So wie ich mich als Verkäufer auf einem Wochenmarkt gegen meine Konkurrenten durchsetzen muss und dies eben nicht immer nur mit dem schönsten Gemüse geht sondern manchmal auch Stimmgewalt dazugehört. So muss ich, will ich den digitalen Erfolg, auch digital gegen meine Konkurrenten ‚anschreien‘. Oder meine Kunden, auf dem Weg zu mir, gegen die Konkurrenz abschirmen und sie fokussieren .

Schon die Konkurrenz zu einem physischen Museum ist ja vielschichtig: die anderen Museen, die Cafes, die Shopping-Zentren, Netflix auf dem Sofa, der digitale Auftritt anderer Museen. Alles Konkurrenz für den physischen Museums-Besuch.

Die Konkurrenz für ein digitales Museum ist aber noch um Welten größer. Alles, was digital serviert wird und irgendwie Aufmerksamkeit auf sich lenkt, ist Konkurrenz zum digitalen Museum.. Das ist in der digitalen Welt so. Um sich hier durchzusetzen bzw. um hier jemanden zu sich zu bringen, muss ich seine Aufmerksamkeit bekommen. Mehr noch: muss sie mir holen. Ich muss ihm präsent sein. Ich muss mich so um ihn kümmern, dass ihn all die anderen Angebote und Ablenkungen so lange nicht interessieren, bis er bei mir war. Und das scheint die hiesige Kunsthalle (leider und noch) nicht zu tun.

Getreu dem Motto: stell Dir vor, es ist digital und alle gehen hin nur Du nicht.

Schade.

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