Erkenne Dich selbst

Written by Tamme on Februar 25, 2021 in Demut and Freimaurerei and Gedanken and Persönlichkeit and Philosophie and Spiritualität with no comments.

This post is also available in: English (Englisch) Français (Französisch) Español (Spanisch)

Erkenne Dich selbst!‘ – ein Ausspruch, den sicher jeder kennt. Er soll in der Eingangshalle des Apollontempels in eingraviert gewesen sein. Oft wird er verwendet, wenn es um Themen wie oder Menschwerdung geht. ‚Erkenne Dich selbst‘ als Grundlage, als Grundvoraussetzung für jegliche persönliche Entwicklung. Du musst Dich selbst erkannt haben, bevor Du Dich entwickeln kannst.

Auch bei uns Freimaurern steht das ‚Erkenne Dich selbst‘ am Anfang jeder freimaurerischen Reise, direkt im ersten Grad der Johannisloge. Und ja, es ist notwendig, sich zu erkennen, sich zu kennen, zu wissen, wo man im steht, will man sich entwickeln, will man zu dem , der man in Wirklichkeit ist.

Als Schlussfolgerung daraus wird oft bei profanen Persönlichkeitstrainings, -programmen oder -coachings geraten, seine Stärken und Schwächen zu analysieren, um dann an diesen zu arbeiten. Ganz so, als ginge es beim ‚Erkenne Dich selbst‘ um unsere Stärken und Schwächen. Oder gar darum, irgendwelche Fähigkeiten zu erlernen, sich irgendwelches Wissen anzueignen.

Weit gefehlt.

Wem der Ausspruch zuzuschreiben ist, kann heute niemand mit Sicherheit sagen. Einige schreiben diesen Spruch den ‚sieben Weisen‘ zu, andere Apollon, dem Gott des Lichtes, der Heilung und Weisheit zu.

Seine ursprüngliche Bedeutung jedoch, die ist sehr wohl bekannt. Jedoch, leider, nur wenigen Menschen. Bei Plutarch findet man sie:

‚Erkenne Dich selbst‘ war die Begrüßung Apollons, des Gottes, an den Eintretenden. Mit dem ‚Erkenne Doch selbst‘ hat Apollon den in den Tempel kommenden Menschen begrüßt.

Und ihn aufgefordert, sich zu erkennen und anzunehmen als das, was er ist. An dieser Stelle, im Eingang zum Tempel Apollons war dies zu allererst eine Tatsache. Und dies war vielleicht sogar die einzige Tatsache, die es hier, an dieser Stelle zu erkennen galt:

Der Gegensatz zum Gott Apollon. Hier der Eintretende, der irdische Mensch, dort der Gott in seinem Tempel. Hier der , dort der unsterbliche Gott.

Durch das ‚Erkenne Dich selbst‘ sollte der eintretende Mensch erkennen, dass er ein Sterblicher ist.

Und damit verbunden sollte sich der Mensch bewusst werden, dass er allen irdischen Zyklen von Leben und Sterben, von unterworfen ist.

Dass eines seiner Charakteristika des Menschen seine Vergänglichkeit, seine Sterblichkeit ist.

Unsere Vergänglichkeit, die Tatsache also, dass wir geboren wurden und sterben werden, unsere hier Erden endlich ist, dies hat der Mensch, dies haben wir durch das ‚Erkenne Dich selbst’ zu erkennen.

Es geht nicht um Stärken und Schwächen. Um fehlende Fähigkeiten. Selbstmanagement-Techniken. Oder sonst irgendetwas Profanes. Sondern es geht, einzig und allein, um eine sehr tiefgreifende .

Die Demut, unsere Sterblichkeit zu erkennen. Mehr aber noch um die Demut, nicht primär auf uns (unsere Sterblichkeit) zu schauen, sondern auf die andere Seite. Auf die göttliche Seite.

Im Eingang des Tempel des Apollon werden wir ja genau auf diesen Gegensatz hingewiesen: Hier der unsterbliche, allmächtige Gott – dort der sterbliche Mensch, wir.

‚Erkenne Dich selbst‘ – erkenne, dass Du der sterbliche Mensch bist und nicht der unsterbliche Gott. Das ist eine, wie ich finde sehr tiefgreifende Demut, aus der heraus alles Tun und Handeln im eine andere Bedeutung und Qualität bekommt.

Und ja, natürlich, lässt sich aus dieser Demut heraus auch der Sinn und Zweck aller anderer, oft vom Ausspruch ‚Erkenne Dich selbst‘ abgeleiteter Maßnahmen begründen. Nachrangig.

Kommentar verfassen