Doppelpost: Bezugspunkte von Kunst und Zeit

Written by Tamme on Februar 26, 2021 in Gedanken and Innensicht and Kuenstlerdasein and Leben and Philosophie and Stoizismus and Zeit with no comments.

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hat ja immer einen Kontext. Zum Beispiel den Kontext, in dem sie der Künstler sehen will. Oder ein Kontext, in den sie durch die Fachwelt gestellt wird. Oder einen Kontext, in den sie durch materielle und optische Aspekte wie Medium, Stil etc. einzuordnen ist. Oder oder oder. Ohne Kontext geht es nicht – wenngleich es natürlich beim Betrachter oder Künstler liegt, diesen Kontext auch sehen und beachten zu wollen (oder eben nicht).

Kunst hat aber immer auch einen Bezugspunkt. Das ist meines Erachtens etwas anderes als der Kontext, in dem sie steht oder gesehen will bzw. soll. Und dieser Bezugspunkt ist immens wichtig.

Bezugspunkte können, zum Beispiel, profaner Natur sein: Der Wert eines Kunstwertes, wenn Kunst als Investment gesehen wird (vom Künstler, dem Betrachter, der Käuferin etc.). Die Kongruenz zu einem mehrheitlichen (Mode) oder persönlichem Schönheitsempfinden. Der Bezugspunkt der kunsthistorischen Bedeutung. Der wird zum Beispiel immer dann relevant, wenn jemand versucht, ein Kunstwerk bestimmten Kunstrichtungen und Epochen zuzuordnen. Oder der Bezugspunkt des Kunstmarktes. Also der Bezug zu oder in die Gruppe von Menschen, die sich dem zugehörig fühlen oder für sich beanspruchen, diesen zu bilden. ‚Expertinnen‘ wird hier oft als Begriff verwendet. Diese können einen sehr wichtigen Bezugspunkt für ein Kunstwerk darstellen, etwa wenn eine Künstlerin alleine auf Basis ihrer Ausbildung, ihrer Studienorte und Ausbilder von den Expertinnen als ‚gute Künstlerin‘ eingestuft und damit empfohlen wird. Eine solche ‚Bewertung’ der Künstlerin alleine stellt schon einen Bezugspunkt für alle ihre Kunstwerke dar.

Oder ganz einfach der Bezugspunkt, in den ein Kunstwerk physisch/visuell gestellt wird: der Raum, die Wand, der Ort. Jeder Bezugspunkt hat Einfluß auf die Wirkung und Bedeutung eines Kunstwerkes. Jeder Bezugspunkt bestimmt den Zusammenhang zwischen Kunstwerk und Außenwelt. Zwischen Kunstwerk und Betrachterin. Zwischen Kunstwerk und Interaktionspartner.

Mir ist dazu kurz die Theorie von Charles Sander in den Sinn gekommen, der einem Zeichen oder Kunstwerk immer einen ikonischen, indexalischen oder symbolischen Zusammenhang mit seiner Betrachterin zuschreibt.

Der Bezugspunkt, an den ich denke, ist jedoch noch etwas anderes. Ein Bezugspunkt kann sich auf Inhalts- oder Bedeutungsebene bewegen, kann aber, wie im Beispiel des Raumes, auch gegenständlich sein. Schon ein anderer Rahmen, ein anderer Ort, eine andere Hängung kann die Wirkung und damit die Bedeutung eines Bildes ändern. Manchmal sogar grundlegend. Bezugspunkte bestimmen immer auch die Wirkung und Bedeutung, die Botschaft eines Kunstwerkes (wenn es eine Botschaft haben soll).

Darum sind Bezugspunkte so immens wichtig, wenn es um die Verbreitung (Vermarktung) und Akzeptanz von Kunst geht. Platt ausgedrückt: Möchte man, dass die eigene Kunst vielen Menschen gefällt, muss man sie ansehnlich präsentieren. Oder ihr eine tiefsinnige Bedeutung geben, vielleicht sogar eine fundamentale Botschaft. Oder man muss ihr eine gewisse Bekanntheit der Künstlerin mitgeben. Oder alles zusammen. Man muss, schlichtweg, das Kunstwerk durch Bezugspunkte verändern. Ja, ich denke, dass schon eine durch die Künstlerin ausgesuchte Präsentation die Wirkung des Kunstwerkes auf den Betrachter verändert. Das Kunstwerk verändert – sofern die Wirkung das für das Kunstwerk entscheidende Kriterium ist.

Darum versuche ich, wo immer möglich, meinen Bildern so wenig Bezugspunkte wie möglich oder so neutrale Bezugspunkte wie möglich zu geben. Meine sollen, vielleicht hast Du meinen post zu meinem ‚ gelesen, die Betrachterin zu etwas ganz Bestimmten inspirieren. Etwas, was ich nicht vorhersehen kann und steuern will. Sondern etwas, dessen Art und Weise ganz alleine durch die Betrachterin bestimmt werden soll. Durch ihr wahres sein, ihr wahres ich. Nur der Betrachter bzw. genauer gesagt: nur die Innenwelt des Betrachters sollen bestimmen, wie die Inspiration ausformuliert ist. Ja, ich möchte, vereinfacht gesagt, zu mehr inspirieren. Aber wie diese Spiritualität, wie dieses mehr, wie der Weg dahin aussieht – das kann einzig und allein durch die Innenwelt des Betrachters bestimmt werden. Diese Innenwelt ist der einzig entscheidende Bezugspunkt. Alle anderen Bezugspunkte lenken, womöglich, von diesem einen Bezugspunkt ab.

Deshalb also versuche ich, meinen Bilder wenig Bezugspunkte mitzugeben.

Keine Videoberichte, wie das Bild entstanden ist. Keine Geschichten, was alles in mir vorgegangen ist, als ich das Bild gemacht habe. Schon gar keine ausformulierte Botschaft, die ich mit dem Bild transportieren möchte.

Nur meine Versicherung, dass es aus einem inneren Impuls heraus entstanden ist von dem ich denke, dass er Dich, die Betrachterin dazu inspirieren könnte, Deine Spiritualität mehr noch als heute zuzulassen. Dies ist der einzige Bezugspunkt, den ich wirklich als gewollt betrachte. Alles andere ist ungewollt oder unvermeidbar.

Ein Bezugspunkt, gegen den weder die Betrachterin, noch ich als Künstler mich wehren kann ist die . Ob ich das Kunstwerk in einem kunsthistorischen oder epochalen oder aktuellen Zusammenhang sehe, das kann ich bestimmen. Diese zeitlichen Bezugspunkte sind nicht bindend.

Der Punkt in der Zeit, an dem sich die Betrachterin beim Betrachten des Bildes befindet, kann jedoch nicht verändert werden. Was der Betrachter in seinem bisherigen erlebt hat, ob er den Moment in dem er das Bild sieht, festhält und zu einem seiner Momente macht oder ob er in dem Gefäß der Zeit an diesem Moment vorbeifällt, kann ich nicht beeinflussen.

Auch meinen ganz persönlichen Zeitort kann ich nur bedingt beeinflussen. Mit einem Zeitort möchte ich den aktuellen Moment, das Hier und Jetzt, MEIN Hier und Jetzt bezeichnen (oder eben DEIN Hier und Jetzt). Alle Momente, an denen ich mich in meinem bisherigen Leben vorbeibewegt habe oder in die ich eingetaucht bin, bestimmen meinen persönlichen Zeitort. Über meine Erfahrungen, mein Wissen, meine Erlebnisse, meine Persönlichkeit. Und dieser Zeitort, mein Zeitort bestimmt auch meine inneren Impulse, meine Inspirationen. Wenn ich ganz in einen Moment eingetaucht bin, ihn achtsam und bewusst wahrnehme, werden die Inspirationen andere sein, als wenn ich gerade an einer Vielzahl an Momenten vorbeifalle, weil ich mich gerade vom Alltag und seinen externen Faktoren lenken lasse.

Deshalb ist mein so wichtig für meine Bilder: er bestimmt den Impuls, der zu dem Bild geführt hat. Er definiert die Ursache des Bildes. So wie Dein persönlicher Zeitort die Wirkung des Bildes auf Dich bestimmt. Mein persönlicher Bezugspunkt ist somit für mich die einzige, wirklich relevante information zu einem Bild.

Vor einiger Zeit habe ich deshalb beschlossen, meinen Bildern (zumindest denen, die in der Gallerie gezeigt werden) als einzige wirklich relevante und wichtige Information meinen persönlichen Zeitort mitgebe.

Und jeder persönliche Zeitort hat, wie jeder Punkt auf der Welt, eindeutige Koordinaten. Nein, ich weiß nicht, wie weit ich mich noch durch die Zeit bewegen darf. Aber ich weiß, wie lange ich dies schon tue, an wie vielen Momenten ich mich schon vorbeibewegt habe oder eingetaucht bin. Und diese Koordinaten, diese Menge an Momenten kann ich sehr wohl in irdischen, genormte Einheiten umwandeln. Bspw. in die Einheit des ‚Gemeinjahres‘. Ein ‚Gemeinjahr‘ besteht aus 365 Tagen a 24h a 60 Minuten a 60 Sekunden. Die Koordinaten meines persönlichen Zeitortes kann ich objektiv beschreiben, indem ich sie in Relation zum Gemeinjahr ausdrücke.

4937,83%.

Das ist bzw. war mein zum Beispiel der persönliche Zeitort, an dem ich dieses blog schreibe. ‚4937,83%‘ beschreibt sehr präzise einen der Momente in meinem Leben. Wesentlich präziser als dies etwa das Datum könnte. Denn das Datum mag eine von allen verständliche Zeitangabe sein. Sie ist jedoch, da sie für alle verständlich und nachvollziehbar sein soll, bereinigt. Klinisch rein sogar. Datum und Uhrzeit beinhalten keinerlei Bezug zum persönlichen Zeitort des Einzelnen. Sie sind neutrale, kalte Fakten. Anders als mein persönlicher Zeitort, der nichts anderes ist als eine persönliche Empfindung der Zeit. Darum also haben alle mir wichtigen Bilder keinen Namen, sondern nur die Koordinaten meines persönlichen Zeitortes. Denn diese sagen so viel mehr über das Bild und den dahinter stehenden Impuls aus, als dies Worte jemals könnten.

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