Die Angst, etwas zu verpassen

Written by Tamme on Februar 8, 2021 in Gedanken and Innensicht and Soziale Medien with no comments.

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Habe mich heute morgen erwischt, wie ich direkt aus dem Bett, auf dem Weg ins Bad, mein handy geholt habe und auf der Toilette meine emails gelesen habe. Mache ich manchmal. Nicht immer. Und ist auch immer mit einem Umweg zur Ladestation verbunden. Also kein einfacher Automatismus. Frage mich bei solchen Sachen dann immer, ich das tue bzw. meist, warum ich das getan habe. So auch heute morgen.

Ja, bin ein neugieriger . Und vielleicht habe ich meine emails lesen wollen, weil ich neugierig war. Hätte ja sein können, dass ich schon wieder ein paar Millionen aus Afrika geerbt habe. Oder so etwas Ähnliches.

Vielleicht aber ist es nicht die (positive) Neugier, die mich morgens als allererstes die Mails lesen und soziale Netze checken lässt. So, wie es scheinbar viele andere Menschen morgens auch tun – wenn ich den Medien Glauben schenke. Sondern eher so etwas wie eine Angewohnheit oder schlicht die Angst, etwas zu verpassen. Oder beides. An eine Angewohnheit glaube ich an dieser Stelle nicht. Dafür mache ich es zu selten. Ich kann mich noch an einen von heute morgen erinnern: „Was Du hast, hast Du“. Habe mir das Mail-Lesen auf Toilette heute morgen selbst als gute Tat und Pflichtbewusstsein verkauft. Dennoch ist dieses Pflichtbewusstsein vermutlich nicht der wahre Grund, sondern nur die vorgeschobene Rechtfertigung. Womöglich, soll heissen: ich weiß es nicht genau, womöglich habe ich tatsächlich Angst, etwas zu verpassen. So spüre ich in Sachen schon ab und an eine Art inneren Druck, doch nochmal meine Postfächer zu prüfen. Das Prüfen der Postfächer ist nicht das Problem. Der innere Druck ist es.

Wenn ich von Menschen lese, dass sie gänzlich auf soziale Medien verzichten (können), beneide ich sie ein Stück weit. Denke mir: das will ich auch können. Mittlerweile habe ich das Gefühl, ich könnte das auch. Aber ich will es nicht. Weil ich zu viel verlieren würde. Ja, auch zu viel verpassen würde. Der Preis für diesen Verzicht wäre einfach zu hoch. Oder anders: der Nutzen , gemessen an den kosten, nicht hoch genug. Denn nur, um jemanden erzählen zu können, ich nutze keine soziale Medien mehr auf die Interaktion in eben diesen verzichten scheint mir nicht so wirklich ein gewinn zu sein. Unabhängig von sind die sozialen Medien doch ein wichtiger Platz des Austausches für mich geworden. Klingt etwas sozialistisch, wenn ich soziale Medien als „Platz des Austausches“ bezeichne.

Nein, ich glaube das heute morgen war in der Tat ein Anflug von Angst, etwas zu verpassen, wenn ich nicht in meine Mails und Inboxen gucke. Weiß gerade gar nicht, ob dies nun gut oder schlecht ist. Übertragen gefragt: ist es gut oder schlecht, wenn ich das Gefühl habe, ich verpasse etwas, wenn ich nicht täglich den Briefkasten ausleere? Denn ich gehe jeden Tag zum Briefkasten und habe dabei manchmal ein Gefühl der Neugier. Oft aber das Gefühl, ich müsse es tun, weil ich sonst etwas verpasse. Darauf verzichten? Machen manche. dann als psychisch belastet oder gar krank bezeichnet. In den sozialen Medien aber nicht mehr zum Briefkasten gehen, mehr noch: den Briefkasten abschrauben wird in den Medien als gefeiert. Gut, Rechnungen kommen noch sehr selten per messenger. Aber manchmal eben doch schon. Behördenpost kommt nicht per Instagram DM, das stimmt.

Aber ist die Tatsache, dass ein „wichtiger Brief vom Amt“ dabei sein könnte, tatsächlich der Unterschied zwischen dem, was man gemeinhin als Pflicht, den Briefkasten zu leeren und die auch zu lesen(!) versteht und dem, was manche als Heldentum darstellen, nämlich den eigenen Briefkasten ganz abzuschrauben?

Ich glaube, wir machen uns hier etwas vor. Niemand käme auf die Idee, seinen Briefkasten abzuschrauben und sich dann als Held feiern zu lassen, weil er auf dieses alte soziale Medium „Post“ verzichtet. Warum soll ich dann diejenigen feiern, die auf moderne Briefkästen verzichten? Eben.

Zurück zu meinem Gedanken von heute morgen: je mehr ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir: ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Nein, ich gehöre nicht zu den Menschen, die täglich phänomenal wichtige post erwarten. Weder im physischen Briefkasten, noch in meinen inboxen. Das, also dieses Gefühl, etwas zu verpassen, hat wohl eher etwas mit Gruppen-Zugehörigkeit zu tun. Damit, dazugehören zu wollen, gemocht zu werden, eben diesen ganzen Kram, mit dem sich ein soziales Wesen wie der Mensch rumschleppt. Ja, gerade gestern habe ich ja über das -Thema geschrieben: ein Stück weit womöglich ein Ego-Thema, dieses „zur Gruppe dazugehören wollen“. Was aber wäre die Alternative? Sich von der Gruppe lossagen, um unabhängig zu sein. Doch wofür? Für mich. Damit ICH unabhängig von Anderen bin. Ist das nicht noch viel mehr ?

Jetzt bin ich in einer Zwickmühle: einerseits scheint es mir mein Ego zu sein, was mich zur Gruppe zugehörig sein lassen will. Andererseits ist es mein Ego, was mich unabhängig sein lassen wollen würde. Wenn ich es denn wollte.

Vielleicht ist es aber auch keine Frage der Egozentrik, wenn ich zur Gruppe dazugehören möchte (und verbunden damit: gemocht werden möchte). Sondern vielleicht ist das nur einfach meine Natur als Mensch. meine Natur als soziales Wesen. Diese Angst, etwas zu verpassen wäre dann Teil meiner menschlichen Natur. Wäre schlimm, wenn die Gruppe mich bei der Flucht vor dem Bären hätte alleine in der Höhle zurückgelassen. Ich befürchte, ich rede mir das gerade etwas schön. Denn vermutlich steckt auch hier, in der uns ureigensten Natur, ein Stück weit Egozentrik. So wie der Art-Erhaltungstrieb Egozentrik ist und sein muss. Nur eben im Sinne der menschlichen Rasse. Und vermutlich muss ich dieses akzeptieren: es wird immer ein Rest Ego bleiben. Ich muss ihm ja nicht nachgeben. Ich kann es ja auch als weiterhin existent akzeptieren und trotzdem überwinden. Meine Angst, etwas zu verpassen, habe ich heute morgen nicht als belastend empfunden. Nur als etwas seltsam. Gut, mich hat ja niemand dabei gesehen 😉

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