Der tägliche Sturm – Epiktet

Written by Tamme on Februar 19, 2021 in Gedanken and Gut and Leben and Realität and Stoizismus with no comments.

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Das Wichtigste im Umgang mit einem Sturm ist, ihm gewappnet zu sein. Vorbereitet zu sein. Dann verliert jeder Sturm an Kraft und Wirkung.

Manchmal kommt mir mein Alltag vor wie ein Sturm. Ein täglich neu aufkommender Sturm. Manchmal heftig, manchmal weniger heftig. Aber immer in der Lage, einige Dinge gehörig durcheinanderzubringen. Oder gar zu zerstören. Dieser Sturm kann ein langer Sturm sein, etwa wenn ein Projekt völlig aus dem Ruder läuft und bei allen Beteiligten für Stress (und manchmal Panik) sorgt. Oder er kann ein intensiver, nachhaltiger sein, etwa wenn ein ernsthaftes Problem auftaucht oder gar etwas Schlimmes passiert. Genauso kann er kurz oder harmlos sein. Er kann sich ankündigen, wenn etwa Tage vorher schon Wolken aufziehen. Oder er kann an einem strahlend schönen Tag auftauchen. Und er muss gar nicht durch einen äußeren EInfluß verursacht werden. Auch meine Eindrücke, Emotionen und können einen solchen Sturm darstellen. Auch, wenn ich jedem Moment achtsam und grund-optimistisch begegne, kann ich diese großen und kleinen Stürme in meinem Alltag nicht vermeiden.

Eiktet, ein Stoiker, hat eine ähnliche Sturm-Metapher verwendet, als er über ein ‚Vorbereitet-sein‘ nachdachte. Vorbereitet sein, um jedem Sturm gelassen entgegensehen zu können.

An anderer Stelle verwendete er das Bild des Athleten, um über eben dieses Vorbereitet-sein nachzudenken:

»So erkennt man einen wahren Athleten – es ist jemand, der sich rigoros vor falschen Eindrücken schützt. Bleibe standhaft, auch wenn du leidest, lass dich nicht von deinen Eindrücken überwältigen! Der Kampf ist hart, die Aufgabe göttlich – so erringt man Meisterschaft, Freiheit, Glück und Gelassenheit.« , Lehrgespräche, 2.18.27–28

Gewappnet sein. Sich vor falschen Eindrücken schützen. Standhaft bleiben. Dann -um jetzt wieder auf die Sturm-Metapher zurückzukommen- zieht jeder Sturm vorüber, ohne dass er großen Schaden hinterlässt.

Jeden Tag aufs Neue nehme ich mir genau dies vor: gewappnet sein. Wir haben da ein nettes Bild bzw. Symbol. Wir haben eine Kelle, mit deren Hilfe wir jeden Tag aufs Neue die Risse in unserem Herzen verschliessen sollen und es so gegen die Einflüsse von außen schützen sollen. Gut, zugegeben, hier habe ich jetzt für nicht-Freimaurer zwei Symbole miteinander vermengt. Macht den Sinn aber greifbarer.

So also versuche ich jeden Tag aufs Neue gewappnet zu sein, mich vor den negativen Einflüssen zu schützen. Auch vor denen, die ich selber auslöse. Mit meinen Emotionen und Gedanken. Leider gelingt mir dies nicht immer. Wie es oft so ist mit der Arbeit an mir selbst: vieles wird vorgenommen und manches wird auch umgesetzt. Ja, und es ist wie so oft mit der Arbeit an mir selbst: alleine das Wahrnehmen dieser rauen Stelle meines Kubus ist der erste, wichtigste Schritt, sie zu glätten und meinen Kubus ein kleines Stück besser zu machen. Heute jedenfalls werde ich dem Sturm des Alltags wieder ein wenig mehr gewappnet sein. Habe ich dies doch gerade als essentiell erkannt 😉

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