Demut und Hilflosigkeit

Written by Tamme on Februar 5, 2021 in Covid19 and Demut and Gedanken and Innensicht with no comments.

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Wie gut erinnere ich mich noch, als vor dem ersten Lockdown – ja, der ist auch schon beinahe ein Jahr her- zur inneren Einkehr aufgerufen wurde. Dazu, zu sich zu finden, die zu nutzen (was auch immer es heisst, Zeit zu “nutzen”-das wäre vielleicht noch einen eigenen Gedanken wert). In sich gehen, Ruhe einkehren lassen während des (ersten) Lockdowns. Die Zeit der Krise nutzen-für sich und die .

Ja, habe ich mir damals gedacht: das ist tatsächlich eine gute Sache. Einen Gang runterschalten. Mal in sich gehen. Das wäre, nein: das IST gut!

Jetzt, beinahe ein Jahr später, frage ich mich: wo ist die Zeit geblieben? Bei mir persönlich keine Spur von Entschleunigung. Dabei hätte ich es, teilweise, selber steuern können. Habe ich aber nicht. Habe statt dessen ganz normal weitergearbeitet. Auch, weil ich froh war und bin, dies tun zu können. Wie viele Menschen sind in Kurzarbeit oder gar arbeitslose und wären froh, arbeiten zu können. Ohne dabei über solchen Luxus wie “runterschalten” oder “zu sich kommen” oder reden zu wollen. Denn das ist ein solches runterkommen und zurückschalten heute: Luxus.

Luxus, den ich mir im letzten Jahr auch nicht geleistet habe.

Statt dessen stelle ich fest, dass wir schon wieder Februar haben und das Jahr nur noch 11 Monate hat. Aber hey, mit der Optimisten-Brille hat das Jahr noch mehr als 330 Tage 😉

Trotzdem gibt es mir zu denken. Dass ich eben nicht nochmal extra runtergeschaltet habe. Sondern dass das erste -Jahr ein Jahr für mich war wie jedes andere auch.

So wie mir auch die Gedanken an einen Wandel zu denken geben. Ja, ich glaube, dass wir uns in einem Wandel befinden. Aber ist der Covid19-bedingt? Nein, ich denke nicht. Hat Covid19 ihn beschleunigt? Vielleicht. Wir Menschen sind schon immer Wandel unterlegen. Mal war er augenscheinlich und gravierend, mal auf Einzelne oder Gruppen konzentriert. Aber Wandel war und wird immer sein.

Ja, Covid19 hat dafür gesorgt, dass ich die eine oder andere meiner Gewohnheiten hinterfrage. So gesehen habe auch ich mich durch Covid19 verändert.

Und Covid19 bzw. die politischen Maßnahme zur Bekämpfung dieser Pandemie haben in unserer Gesellschaft Spuren hinterlassen und uns als Gesellschaft verändert. Haben unseren Alltag verändert; und unser Verhalten. Zumindest das von vielen. Auch heute noch gibt es Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als endlich wieder eine Kreuzfahrt machen zu können wohingegen viele andere sich mehr und mehr mit ihren eingeschränkten Aktionsradius arrangieren.

Wir mussten viele Menschen alleine lassen in diesem Jahr.

Wir durften uns als Gesellschaft, als Menschen unter Menschen nicht so einander zuwenden, wie wir, zumindest die Generationen nach 1945, es gewohnt waren: sorgenfrei und unbeschwert.

Und damit, glaube ich, hat Covid19 auch unser Denken verändert. Ich zumindest weiß heute zu schätzen und zu vermissen, was ich seit Covid19 nicht mehr habe.

Was ich mich frage: welche all dieser Veränderungen in unserem Denken und Handeln wäre auch passiert, wenn sie nicht durch politische Dekrete verordnet worden wären? Wie weit hätte die dem Menschen innewohnende Trägheit die Oberhand behalten? Ich befürchte, viele der Änderungen, gerade in unseren Gewohnheiten wären ohne Dekrete nicht gekommen. Und ich befürchte, viele Änderungen sind noch nicht alt genug, erwachsen genug, um dauerhaft zu sein.

So befürchte ich, unsere Gewohnheit, reisen zu wollen, wird uns nach Covid19 wieder einholen – als hätte es die positiven Effekte für bzw. gegen den Klimawandel nicht gegeben. Und nein, ich spreche hier nicht nur von den privaten Reisen. Von denen vielleicht sogar am wenigsten. Sondern ich persönlich vermisse Geschäftsreisen überhaupt nicht mehr. Anfangs habe ich sie noch vermisst, habe die erste Gelegenheit nach dem lockdown genutzt, um wieder Kunden besuchen zu können. Aber jetzt, beinahe ein Jahr nach dem ersten Lockdown habe ich das Gefühl, auch viele meiner Kunden haben akzeptiert, dass es auch ohne Geschäftsreisen, auch ohne dass ich ihnen Auge-in-Auge gegenüber sitze geht.

Damit hat das Jahr dann doch viele Änderungen gebracht, ohne dass ich sie in diesem Moment als solche wahrnehme. Vielleicht, weil sie schon so normal geworden sind.

Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir schon Februar haben und die Zeit rast. Obwohl sie genauso schnell (ver)läuft wie gestern. Oder letztes Jahr. Oder letztes Jahrtausend. Besser hätte ich schreiben sollen: sie rast für mich. Weil ich sie nicht so nutzen kann, wie ich gerne würde. Nein: weil ich in der mir zugedachten Lebenszeit nicht all das tun kann, was ich gerne tun würde. . Vielleicht auch Ohnmacht. Das ist es, glaube ich, was mein Empfinden heute zusammenfasst. Hilflosigkeit angesichts all der Dinge, die getan könnten oder sogar getan werden sollten und doch nicht getan werden. Nein, ein “man schafft alles” ist hier nicht wirklich hilfreich. Man schafft sicherlich vieles.Und man schafft umso mehr, je mehr man sich vornimmt, zu wollen und zu können. Aber Alles?

Diese Demut, anzuerkennen dass ich mit begrenzten Mitteln einschließlich einer begrenzten Lebenszeit mein Leben zu gestalten habe, fehlt mir nicht. Im Gegenteil. Manchmal neige ich dazu, mich dieser Demut hinzugeben. Dennoch steht dieser Demut ein anderes Gefühl gegenüber, welches ich nicht vollständig transformiern kann: Hilflosigkeit.

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